Von den Elektronen
Eine bessere Zukunft verheißen sie uns. Leichter, schneller, effektiver – bequemer eben. Sie versprechen all das und noch viel mehr. Höher, weiter, auf der Treppe des Erfolgs. Sie, das sind die Früchte des Fortschritts, unsere elektronischen Helferlein. All die Rechner, mobil oder stationär, die sich immer mehr vernetzen und uns daher Arbeiten abnehmen, uns das Leben erleichtern – sollen. Die moderne Gesellschaft, der moderne Mensch, ist von dieser Botschaft beseelt und entzückt. Endlich mehr Zeit für Privates, für das geschäftliche Leben, immer mehr.
Ausgestattet mit eigenem Telefon, Mobiltelefon, Telefax, elektronischem Postfach (demnächst „de-mail“), gewappnet mit dem „E-Postbrief“ (maschinell erstellt, ohne Unterschrift gültig), elektronisch geführtem, weltweit einsehbarem Terminkalender, ist der Einzelne von allüberall in der Lage sich selbst zu organisieren, zu kommunizieren, jederzeit erreich- und verfügbar, nichts verpassend, jede Chance wahrnehmend. Jede Stunde, Minute, Sekunde des Lebens ist geplant – oder planbar –, dokumentiert, veröffentlicht, mitgeteilt, einsehbar, gerechtfertigt. Keine Ausreden mehr, kein „Füßehochlegen“ für die Mitarbeiter, Arbeitnehmer, Untergebenen an einem „schlechten Tag“ – wer den hat, soll sich krank melden – die „Ressource“ Mensch in Bestform.
Wir können „online“ diktieren, den Rechner dies spracherkennen lassen, die – maschinell erstellte, ohne Unterschrift gültige – Textdatei mit angehängter Audiodatei selbst vergleichen und abhören, Fehler korrigieren, ausdrucken, kopieren, dokumentieren, falzen, frankieren und – zur Post geben. Erst recht können wir natürlich – „mailen“, die elektronische Datei zur elektronischen Akte speichern, ggf. ausdrucken, alles in Sekundenschnelle, sogar millisekundengenau „dokumentiert“ (elektronisch).
Der Erfolg? Wir sind schneller, können mehr Aufgaben als je zuvor „zugleich“ erledigen, obwohl der Tag immer noch nur vierundzwanzig Stunden hat, auch von zuhause, aus dem Hotel, Pkw, Zug, Flugzeug.. Eine kleine Nachfrage ist schnell „per mail“ beantwortet, viel schneller als am Telefon. Auch die Nachfrage zur Antwort usw. pp.. Kein lästiges Hinterhertelefonieren – vor allem keine ebensolchen „Diskussionen“ mit dem Empfänger unserer Mitteilung, das „kostete“ Zeit –, kein langwieriges Suchen im Papier, das Arbeiten ohne physische Akte ist eben einfach schneller. Die etwaigen Ausdrucke elektronischer Dateien können dann ja später „zusortiert“ werden.
Dadurch sparen wir auch Kosten, denn qualifizierte Mitarbeiter (ein(e) Sekretär(in) – von „secretarius, dem „Geheimnisbewahrer“ bzw. „geheimen Berater“) benötigt „man“ für einfachere Tätigkeiten, wie „zu den Akten sortieren“ nicht mehr.
So delegiert der „Chef“ schließlich nur noch an sich selbst, der Rechner hilft dabei durch die eingespeicherten, vorgegebenen Wege. Und – wie versprochen – die jeweilige Aufgabe ist „wie im Handumdrehen“, fast wie am Fließband, erledigt, nächster Fall.
Schade nur, wenn Tage oder Wochen später der Empfänger der eigenen Mitteilung moniert, jene sei mit Schreib- und Sinnfehlern versehen, welche ein Verstehen (nahezu) unmöglich werden lassen. Schöner, aber nicht viel, ist es dann schon, wenn solches von dem Erklärungsempfänger – großmütig? – übersehen bleibt und die Fehler bloß „heiß und kalt“ vor Scham den eigenen Rücken hinunterlaufen. Schlimmer noch, wenn solche wirklich unbemerkt blieben. „Immer eine Nacht d’rüber schlafen, besser zwei oder drei“, heißt es – wohl nicht zu Unrecht.
Immer weniger Menschen schaffen in gleicher oder gar kürzerer Zeitspanne die gleichen – oder mehr – Aufgaben in gleicher – oder gar besserer? – Qualität bei gleichzeitig geringeren Kosten als zuvor zu erledigen. Diese Gleichung stammt nicht aus der Mathematik und könnte auch mit modernsten wirtschaftswissenschaftlichen Methoden nicht gelöst werden. Denn sie läuft letztlich auf das – wie wir heute wissen – utopische Gedankenmodell des <a href=“http://de.wikipedia.org/wiki/Perpetuum_mobile“>perpetuum mobile</a> hinaus: immerwährender Nutzen bei sinkendem Energieeinsatz. Gleichwohl scheint dieses Motto auch in unserer „modernen Zeit“ (<a href=“http://de.wikipedia.org/wiki/Moderne_Zeiten“>Modern times</a> – Charlie Chaplin, 1936) fast kritiklos von allen Seiten begrüßt zu werden.
Im privaten Leben soll – Stichwort „<a href=“http://de.wikipedia.org/wiki/E-Government“>E-Government</a>“ – bald der „Mausklick“ zum neuen bürgerfreundlichen Standard – etwa danach zur kostensparenden Pflicht? – werden. Denn in der Fläche werden immer mehr Verwaltungen abgebaut, da zu kostenintensiv, größere Verwaltungseinheiten werden geschaffen, damit Doppelverwaltungen vermieden werden und daher Mitarbeiter eingespart werden können. Folglich ist der ein oder andere Bürger seines schnellen, ortsnahen Zuganges zu seinem Sachbearbeiter beraubt und wird deshalb auf den elektronischen Zugang zurückgreifen müssen, will er nicht ganz abgeschnitten sein.
Endlich aber werden auch auf dem Lande „Breitband-Internetverbindungen“ unter energischer Förderung der jeweiligen Verwaltungsstrukturen hergestellt – gewiß ein Schelm, welcher andere als Motive der Bürgerfreundlichkeit hierbei vermutet.
Wenn ein „moderner Mensch“ einmal – gezwungenermaßen, auch noch im geschäftlichen Leben, aus technischen Gründen etwa – auf das Prinzip der „Urschrift“(Handschrift) reduziert wird, mag es ihm scheinen, als wäre in ihm selbst weitaus mehr Ruhe und klares Denken als zuvor. Konzentriert an der einzelnen Aufgabe, eine nach der anderen, arbeitend – weil sonst alles nur angefangen, nichts zu Ende gebracht bliebe – „schmilzt“ der Aufgabenbestand in seinem Büro womöglich zugunsten desjenigen in den treusorgenden Händen seiner „geheimen Räte“ – so noch (welch Glück!) vorhanden.
Die Elektronen sind hilfreich, gar keine Frage. Sie sind wertvolle Ergänzung und schaffen – z. B. in Form des wwweltweiten Netzes – Transparenz und Informationszugang dort, wo zuvor keiner war. Dies soll heute niemand mehr missen und man noch weiter ausgebaut wissen. Sie sind eben – aus diesem Blickwinkel betrachtet – überaus nützliche Zusätze, nie Ersatz für menschliches Denken und Handeln.
Die durch menschliche Programmiertätigkeit vorgegebenen elektronischen Verfahrensweisen dürfen daher niemals zum Maßstab menschlichen Lebens und Verhaltens werden.
Jeder Rechner ist bei dem Erledigen der an ihn übermittelten, programmgemäßen Aufgaben dem Menschen hoffnungslos überlegen. Letztlich muß er nämlich „nur“ Nullen und Einsen an den Fingern abzählen und hat dafür – erhält immer mehr davon – so milliardenfach-irrwitzig viele Finger erhalten, daß der Mensch sich vor gar nicht kurzer Zeit sogar im „Spiel der Könige“ einmal <a href=“http://de.wikipedia.org/wiki/Deep_Blue“>geschlagen geben</a> mußte. Wollte er also glauben, der Maschine in Geschwindigkeit und Routine nacheifern müssen oder zu können, würde er schließlich an diesem Ziel scheitern. Dies führte dann nur zur (Selbst-)Überforderung des Einzelnen, was ohne menschliches Korrektiv von außen zunächst in Selbstzweifel und schließlich Verzweiflung münden muß.
Der Mensch ist nämlich kein elektronisches, sondern ein – von Stunde der gesunden Geburt und Monate zuvor an – zunächst auditives (hörendes), dann sogleich haptisches („begreifen“ als Synonym für „verstehen“) und erst danach ein visuelles (sehendes) Wesen. Elektronische Vorgänge können wir weder hören, noch anfassen oder sehen. Ein elektronischer Sinn dafür fehlt uns. Was wir zu sehen glauben ist nur ein Surrogat der Elektronen, eine Art notwendig kärgliche „Übersetzung“, da bereits die Breite der Datenflut nur eines einzigen Informationsvorgangs auf Protokollebene – z. B. einer „E-Mail“ über alle Protokolle der <a href=“http://de.wikipedia.org/wiki/OSI-Modell#Die_sieben_Schichten“>sieben Schichten</a> hinweg – das menschliche Gehirn vollständig überfordern würde. Was wirklich in den Maschinen vorgeht, entzieht sich dem Verstehen des Einzelnen folglich vollständig, weil er eben nicht über die mathematischen „Fertigkeiten“ der Maschine verfügt noch je verfügen wird. Deswegen können wir Menschen – Laie oder auch nicht – dem Ergebnis des Programmablaufes nur noch „glauben“, es aber kaum nachvollziehen. Versuchen wir es, wähnen wir uns vor unüberwindbare Hindernisse gestellt, fühlen uns schließlich diesen „ausgeliefert“.
Abgesehen hiervon führte ein überbordendes Auslagern von Wissen und Erfahrung in Formulare, EDV-Programme und „Checklisten“ (auch Gesetze sind letztlich nur solche, sollen die „Denkarbeit“ erleichtern oder abnehmen) nur zu einem Ergebnis: Zentralismus, Gleichmacherei, Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, Verlust der Individualität, Konformität, und schließlich zur Erstarrung, dem Erliegen jeglicher Entwicklung. Damit einher gehen zwangsläufig der Erkenntnisverlust um den „Sinn hinter den Dingen“, das Schwinden einmal besessener Fähigkeiten in der aktuellen Generation, und schließlich der Wissensverlust in den folgenden Generationen sowie die Abhängigkeit von der Maschine und dem vorgegebenen Programmkode. Die darin „festgeschriebenen“ Erfahrungen und Wertvorstellungen Weniger bestimmen nämlich fortan den „Lauf der Welt“.
So ein Weg wäre unmenschlich, menschenunwürdig und daher fehlerhaft. Denn zur Würde des Menschen gehört auch, daß er nur von seinesgleichen be- oder verurteilt werden darf, nicht jedoch von einem seelenlosen Programm oder – was dem nämlich gleichkäme – Menschen, welche – aus Wissens- oder Zeitmangel, nicht etwa aus böser Absicht – nur noch als Werkzeuge programmierter, maschinell starr vorgegebener Abläufe handeln (können).
Jenen Weg wollte ich nie gehen.
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