Selbstbild und Fremdbild – etwas passt nicht zusammen

Da passt etwas nicht zusammen in Neubrandenburg. Vor einiger Zeit (siehe Glücksspiele und Alte Brauerei) hatte ich über die Nachwehen eines Projektes berichtet. Dort ging es um Denkmalschutz, den der Eine oder der Andere als in Neubrandenburg nicht ausreichend repräsentiert ansieht. Ob ich damals immer "die Richtigen" mit meinen Artikeln und eBriefen traf – ich weiß es nicht. Ob die Untere Denkmalschutzbehörde Neubrandenburgs wirklich frei ihrem gesetzlichen Auftrag nachgehen kann, auch daran habe ich ernsthafte Zweifel. Freiheit entsteht nicht durch und wohlfeile Formulierungen in Gesetzen sondern in deren Anwendung. Dazu muss dann aber auch der Behördenleiter bereit sein, woran ich heute mehr zweifle als 2009.

Weltkulturerbe

Jetzt lese ich an dem vergangenen Wochenende mit großem Interesse, dass Neubrandenburg noch Größeres vorhat. In die Weltkulturerbeliste der UNESCO möchte "man" aufgenommen werden. Der mittelalterlichen Wehranlagen wegen. So berichtet tatsächlich der Nordkurier in einem Artikel auf Seite 5 der Ausgabe vom 10./11. April 2010:

Neubrandenburg und die Weltkulturerbeliste der UNESCO

Ein wenig nachdenklich macht mich das allerdings schon. Denkmalschutz dann, wenn es um Fördermittel für das Stadtsäckel geht aber sonst nicht? Rufen wir uns doch alle einmal in Erinnerung wieviele Denkmale in Neubrandenburg schon vernichtet sind oder der Vernichtung harren bzw. demnächst anheim fallen werden. Da wären, als kleine nur mir bekannte Auswahl:

  • Die Alte Brauerei an der Demminer Straße – jetzt eine leere Fläche mit Schutthäuflein
  • Das Gebäude Jahnstraße Nr. 1 (mit Efeu bewachsenes Fachwerk ehedem) – jetzt ein "schmuckes" Zinshaus
  • Das ehemalige "Haus der Intelligenz" (Ecke Rostocker Straße / Friedrich-Engels-Ring, am Oberbach) – steht, aber wie lange noch?
  • Das Gebäude in der Großen Wollweberstraße – jetzt eine prunkvolle Baulücke
  • Die Gebäude am Stargarder Tor – auch hier sind "schmucke" Zinshäuser entstanden, obwohl ich uralte Kellergewölbe in den Baugruben erkennen konnte

Da bin ich mir ganz sicher: Wenn sich einige ältere Bürger in ihrer Erinnerung anstrengen, wird die Liste länger. In das Weltkulturerbe kommt man so sicher nicht. Man vergleiche nur Wismar und Dresden als ersten Anhalt für positiven und negativen Umgang mit dem Erbe unserer Vorfahren.

Übrigens: An der Wehranlage passiert, soweit mir bekannt, zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit etwas strukturell Positives. Es gäbe auch noch sehr viel zu tun. Der Autor des Artikels von Sonnabend wird richtig liegen: Bis zum Weltkulturerbetitel wäre es noch ein langer Weg. Wenn die Wehranlage überhaupt diesen Rang zu erreichen imstande wäre.

Wir hätten da als Kandidaten vielleicht auch noch die älteste und nördlichste erhaltene Höhenburg Deutschlands, wenn ich mich an die Bewerbung der Burg Stargard richtig erinnere.

Schlussstein der Alten Brauerei gerettet

Gut, war es also kein Sandstein sondern Beton. Also war ich falsch informiert. Einmalig in Neubrandenburg ist dies aber doch, ins Museum gehört das auf jeden Fall.

Museum will Schlussstein der

Chronologie der (physischen) Vernichtung eines Denkmals 2009

Hier nur eine kleine Chronologie der Geschehnisse um die traurigen Reste der Alten Brauerei an der Demminer Straße 2009.

Zuerst gab es einen Bericht um die Geschehnisse vor 2009,

Alte Brauerei wird abgebrochen

dann einen Leserbrief,

Leserbrief - Fehlt der Wille?

eine geplante Demonstration ohne viel Hoffnung auf Zuspruch,

Jurist plant Demonstration

die Bewerbung der geplanten Demonstration,

Was ist ein Denkmal?

und die Demonstration selbst,

Protest gegen Rest-Abbruch der Alten Brauerei

mit recht viel Zuspruch für so ein kleines "Ein-Mann-Projekt".

Es lohnt sich also, aktiv zu werden. Immerhin ist die Alte Brauerei noch so stark im Gedächtnis der Menschen verankert, dass viele Andenken gerettet haben. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass die Bürger das Heft selbst in die Hand nehmen und der Verwaltung zeigen, wie Denkmalschutz wirklich funktioniert? (An die Erhaltungssatzung der Stadt scheint sich auch niemand halten zu wollen oder kennt sie keiner?)

Hoffentlich findet wenigstens der Schlussstein einen würdigen Platz. Herr Heiko Hausknecht hat mir eben berichtet, dieser werde noch gesucht. Die mir damals versprochene "Rettung" aus dem Schutt sei nach seiner Kenntnis an mangelnden finanziellen Mitteln gescheitert.
Hätte mich jemand gefragt, hätte ich auch das noch organisiert. Allerdings hatte ich mich auf die Zusage verlassen. Zuviel Vertrauen offenbar, das werde ich mir merken.

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