Sicher ist sicher.

Dem Deutschen Volke. Was für eine schöne, kurze und eindeutige Widmung. Nicht "Den deutschen Bundestagsabgeordneten" oder "Den Touristen in Berlin", nein. Schlicht dem deutschen Volk, das heißt, jedem einzelnen Deutschen, jedem Bürger also, ist das Reichstagsgebäude bis heute gewidmet.

Daher ist auch der Deutsche Bundestag im Reichstag öffentlich, möchte man meinen. Die Vorstellung des Normalbürgers könnte sein, es sei eine öffentliche Einrichtung (Institution), welche er jederzeit, also zu jeder Tages- und Nachtzeit betreten kann, um seinem Kontrollrecht gegenüber einem seiner Organe, welches die (auch) von ihm abgeleitete Macht (siehe Artikel 20 Absatz 2 Grundgesetz) ausübt, nachkommen zu können.
Einmal im Reichstagsgebäude alles ansehen, sinnierend - wie bei der langen Nacht der Museen in Berlin etwa - durch dessen Hallen zu streifen, die Schönheit und Ruhe zu genießen, möchte man träumen.

Bei dem Traum bliebe es allerdings auch. Obschon § 19 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages sogar für die Sitzungen ausdrücklich bestimmt, dass diese öffentlich stattfinden, muss sich jeder Besucher einer peinlichen, langwierigen und insgesamt ärgerlichen Prozedur unterziehen. Sicherheitskontrollen "wie am Flughafen" und - auf besonderen "Wunsch" - sicher auch noch ein wenig mehr. Das ist entwürdigend und für die Optik des ehrfurchtgebietenden Gebäudes nicht förderlich (es gibt wilde Campingplätze, die orderntlicher aussehen, als dieses Konglomerat von rot-weißen Begrenzungen und baustellencontainerarigen Baulichkeiten vor dem Hauptportal).

Selbst der, welcher sich vorher angemeldet hat, wird unter Generalverdacht gestellt. Terroristen sehen wir Deutschen, allüberall in Autos, U-Bahnen und Flugzeugen sitzen. Und eben wohl auch vor dem Reichstag brav in der Schlange um Einlass nachsuchend.

Dabei ist mir bislang nicht zu Ohren gekommen, dass es in all den Jahren überbordender Sicherheitsgesetze und anlassloser Kontrollen je einen halbwegs ernst gemeinten Versuch einer Gewalttat von außen auf den Bundestag oder eine seiner Einrichtungen gegeben hätte.

Vielmehr berichtet die Journaille von dem "Postraubversuch" am vergangenen Mittwoch, 6. Juli 2011, in der nicht für die Öffentlichkeit zugänglichen Postfiliale des Deutschen Bundestages durch einen Polizeibeamten der Polizei beim Deutschen Bundestag. Ein "insiderjob" also.

Vielleicht könnte man daraus eine Lehre ziehen. Zum Beispiel, dass alle Technik am Ende der menschlichen Phantasie unterlegen und daher zu nichts nutze ist. Ein wenig mehr Vertrauen in die Fähigkeiten des Menschen an sich, einen harmlosen Besucher von einem geistig gestörten Menschen oder einem "Terroristen" bzw. simplen Verbrecher zu unterscheiden, könnte auch nicht schaden.

Ein bisschen weniger Technik (spart Kosten) ein paar gut ausgebildete Polizeibeamte mehr, die im Gebäude Kontrollen laufen, und die Öffentlichkeit könnte ohne diese Quälerei Zutritt erhalten. Letztlich nutzt sie nichts. Wer etwas erreichen will, schafft es am Ende auch gegen alle Widerstände. Wegen einzelner Irrer ein ganzes Volk unter Generalverdacht zu stellen scheint mir der schlechtere Weg zu sein.

Allerdings besteht wenig Hoffnung auf solche Einsicht. Die USA fürchten sich neuerdings vor "Körperbomben". Also haben wir sicher bald die nächste Runde verschärfter Überwachungsmaßnahmen zu gewärtigen. Gegen implantierte Sprengsätze helfen nicht einmal "Nacktscanner", welche ohnehin mehr schlecht als recht funktionieren.

Bestimmt gibt es nach der Sommerpause neue Vorschläge für neue Repressionen wegen dieser Hirngespinste Angst Sorge.

Schöne neue Welt.

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Kommentare

Bis zum 27. September 2001 war das Parlamentsgebäude des Kantons Zug in Zug auch frei zugänglich. Nach diesem Datum nicht mehr: http://de.wikipedia.org/wiki/Zuger_Attentat.

Das, was von Wikipedia berichtet wird, ist nur ein ganz kleiner Teil dessen, was dort im Parlament wirklich abgegangen ist; wer die Details kennt, wird eher Verständnis für solche Sicherungsmaßnahmen haben.

Der Attentäter war kein Terrorist, sondern "nur" ein psychisch kranker Mensch.

Ich möchte Sie aber insoweit in Ihrer Kritik unterstützen, als daß man die Sicherheitskontrollen doch ein wenig ... sagen wir mal ... dezenter gestalten könnte. Angemessen ist das, so wie es jetzt ist, nicht.

Danke, dies hatte ich zuvor noch nie gehört oder gelesen.

Eine Demokratie lebt jedoch von Freiheit, nicht von Kontrolle. Kontrolle führt zu Anpassung, Vereinheitlichung, Entfremdung: Edit http://www.youtube.com/watch?v=Diq6TAtSECg (siehe auch http://www.youtube.com/watch?v=SGD2q2vewzQ).

Gerade auch Sie selbst gehen tagtäglich das Risiko ein, von einem enttäuschten, psychisch gestörten (bitte passende Option auswählen) Mandanten | Mitangeklagten/Mitbeschuldigten | Mittäter einer Straftat | Nebenkläger | Zeugen | Opferangehörigem usw. pp. auf/in/vor (bitte passende Option auswählen) offener Straße | der Kanzlei | dem Gericht | Ihrem Lieblingsrestaurant usw. pp. eine solche Behandlung zu erfahren, nur weil Sie Ihrer Aufgabe für den jeweiligen Mandanten nachkamen.

Das ist das allgemeine Lebensrisiko, dessen sich jeder Mensch bewusst sein sollte. Auch Abgeordnete.

Das Berliner Abgeordnetenhaus ist bis heute frei zugänglich.

Antwort, 18.34 Uhr: Es gibt sie eben noch, die Inseln der Rechtsstaatlichkeit. Wenn ich es recht verstehe (siehe http://www.landtag-mv.de/site/3_26_27_28_34/34.html) auch in Schwerin. MfG Grehsin

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